Schule – gestern, heute und morgen

Die von Axel Schneider zur Verfügung gestellte Rede an die Abiturienten des Abschlussjahrgangs 1968 von OStR Karl Bretl steht jetzt auch hier zum nachlesen bereit.

Nun, ich konnte mich an diese Rede beim besten Willen nicht mehr erinnern, aber dass früher alles besser war und der Untergang des Abendlandes kurz bevor steht, das scheint eine Konstante in der Geschichte der Abiturrede zu sein. Gleichwohl entstand beim Lesen sofort das quicklebendige  Bild unseres stets der Verzweiflung nahen, aber unermüdlich um uns bemühten Klassenlehrers. Ich meine, es lohnt sich, seine Rede heute, mit dem Abstand von 40 Jahren, noch einmal aufmerksam zu lesen:


Als einem der fünf Klassenväter der diesjährigen Oberprimen ist mir die Ehre zuteil geworden, heute zu Ihnen sprechen zu dürfen. Ich tue dies um so lieber, als unter den hier anwesenden Abiturienten auch mein ältester Sohn sich befindet, der heute mit dem Zeugnis der Reife unsere Schule verläßt und ins Leben hinaustritt.

An einem solchen Festtag denkt man unwillkürlich zurück an jene Zeit, in der man selbst diesen Tag erlebte, und eine Fülle von Vergleichen drängt sich auf.

Als ich am 16. Juni 1937 nach bestandener Matura das humanistische Gymnasium verließ, lag eine Schule hinter mir, die ich nicht missen möchte, die man aber mit Fug und Recht als „Lernschule“ bezeichnen konnte, eine Paukschule schlimmster Sorte, die unerbittlich das Ziel verfolgte, ihre Schüler im humanistischen Geist zu bilden und ihnen ein möglichst breites und vielseitiges „Allgemeinwissen“ zu übermitteln. Von der ersten bis zur letzten Klasse wurde unermüdlich gepaukt und noch dazu Stoffe, von denen wir schon damals wußten, daß wir sie im späteren Leben nicht oder nur wenig verwerten konnten. Vormittags vier, nachmittags. zwei volle Zeitstunden Unterricht, daneben drei bis vier Stunden Pflichtstudium, so war der Tag von 6 Uhr früh bis 9 Uhr abends randvoll mit Arbeit angefüllt. Die Schule stand im Mittelpunkt unseres Lebens, eine Möglichkeit, ihr und ihren Anforderungen zu entwischen, gab es im Internat nicht. Eine Fülle von Fächern aus dem geistes- und naturwissenschaftlichen Bereich- war zu bewältigen, es gab auch keine Qual der Wahl, alle mußten alles machen. Die Klasse blieb – von den Zurückbleibern abgesehen – bis· zum Abitur erhalten.

Fiel einem Schüler mal ein kurzzutreten, d. h. fauI zu werden, brüllte der Lateinlehrer:

Principiis obsta, sero medicina paratur, cum mala per longas convaluere moras!

frei übertragen – die hier anwesenden Lateinlehrer mögen sich die Ohren zuhalten -:

Den Anfängen wehret – Wenn das übel (die Faulheit) überhand genommen hat, frißt dich die Katz.

Wollte einer aufgeben, hieß es: Persevera! Halte durch! oder Per aspera ad astra! – wörtlich: durch mühselige Arbeit bis zu den Gestirnen empor! (Kein Mensch hätte sich damals träumen lassen, daß man Jahrzehnte später tatsächlich auf dem Weg zu den Gestirnen war).

Der dickleibige Griechischlehrer, der uns täglich 2-3 Seiten Homerübersetzung aufbrummte, hatte für unser Stöhnen nur die Begründung: „Ein Mensch, der nicht geschunden wird, wird nicht erzogen“.

Die Inschrift am Thermophylenpassdenkmal wurde uns eingehämmert: Kommst Du, o Fremdling, nach Sparta, verkündige dorten, du habest uns hier liegen gesehen, wie das Gesetz es befahl.

„Wie das Gesetz es befahl“ – so ging denn auch im Zweiten Weltkrieg ein beachtlicher Teil unserer Klassenkameraden den Weg des „süßen und ehrenvollen Todes für das Vaterland“, von dem Alfred Polgar sagt, daß es weniger einTod „pour la patrie“, sondern mehr ein Tod „par la patrie“ war. Ihnen, meine lieben jungen Freunde, ist in der Schule von heute viel davon erspart geblieben. Ihre Generation, die sich auch die „skeptische“ nennt, ist weitgehend immun gegen Pathos und Begeisterung, schon gar für Dinge, die nichts einbringen. Das Wissen, das Sie sich in der Schule aneignen sollten, ist in der heutigen Welt jederzeit verwertbar. Das Nützlichkeitsdenken überragt alles. Schon der kleine Sextaner fragt, wenn er 5 Vokabeln lernen soll: „Was, kriege ich dafür, was habe ich davon?“ – Der Vater liefert klingende Münze oder gar ein Scheinchen für jede halbwegs gelungene Klassenarbeit.

Frühzeitig wurden Sie oder Ihre Eltern gefragt, was Sie zu lernen wünschten, der Fächerkanon wurde eingeengt, die Wochenstundenzahl verkürzt, segensreiche Verfügungen und Erlasse „von Oben“ ordneten das aufgabenfreie Wochenende an, verboten schriftliche, Arbeiten in den nichtcharakteristischen Fächern, setzten fest, daß Klassenarbeiten nicht gerechnet werden dürfen, wenn ein bestimmter Prozentsatz unter dem Strich ist. Aus der brettharten ‚Unterlage, auf die der Schüler von einst gebettet war, wurde eine weiche Schaumgummimatratze. Die Versetzungsbestimmungen wurden aufgeweicht, so daß es heute nachgerade schwer ist – wie man scherzweise sagt – die „Nichtversetzung“ zu schaffen. Und so konnten auch die Folgen nicht ausbleiben. Das Wissen, das Sie aus der Schule ins Leben mitnehmen, ist vielleicht auf unsere Zeit zugeschnittener; tiefer und gründlicher ist es nicht. Die „Diskussion,“ , früher als „certamen“ (Streitgespräch) oder „Disputation“ krönender Abschluß einer langen Vorbereitungsarbeit, ist heute die allseits beliebte Unterrichtsform. Sie lange vorzubereiten, mit Fakten zu untermauern, ist veraltet. Das „Urteil“ ist heute schneller gefunden als früher, man ist ja auch nicht mit soviel Wenn und Aber belastet.

„Novis rebus studere – nach Neuerungen streben, immer schon ein Vorrecht der Jugend, ist heute Trumpf. Das „Alte“ muß mit Stumpf und Stiel vernichtet, das „Neue“ mit Gewalt durchgesetzt werden.

Sie selber, meine lieben jungen Freunde, sind nicht mehr Zeitgenossen eines „Eisernen Zeitalters“, an Ihrem Situationshorizont zeigen sich Silberstreifen, das „Goldene Zeitalter“ allerdings haben auch Sie noch nicht erreicht. Noch mußten Sie sich mit größeren oder kleineren Resten von Willkür und Autoritätsansprüchen von Seiten der Eltern und Lehrer, mit dem alten Zopf von Disziplinierungsversuchen herumschlagen und auseinandersetzen. Die kommende Zeit wird eine bessere sein.

Die „Neue Zeit“ wirft schon ihre Schatten voraus:

die obrigkeitsstaatlichen Strukturen auf dem schulpolitischen Sektor so sagt Johannes Kleinstück – werden bereits abgebaut.

das Mitspracherecht des Schülers in Sachen Stoffauswahl, Stofferarbeitung, in der Schülerbeurteilung und Benotung ist im Kommen. Rückständige Lehrer, die wie die alten Feudalherrn rücksichtslos und autoritär bestimmen, werden radikal ausgemerzt … oder glauben Sie, wenn sich einmal die Wahl des Lehrers durch den Schüler durchgesetzt hat, daß dann noch ein so verstaubter Lehrer einen Zuhörer findet?

Glänzend formuliert Kleinstück weiter:

„In Zukunft wird jeder Lehrer zu Beginn der Stunde mit den Schülern diskutieren und durch sorgfältiges Eingehen auf individuelle Vorstellungen ·zu erfahren suchen, was -, wie -, ja ob überhaupt gelernt werden soll. Am Ende steht die volle Demokratisierung des Unterrichts. Der Lehrer -betritt das Klassenzimmer nur dann, wenn er dazu aufgefordert ist, seine Funktionen beschränken sich auf Anhören und kurze Antworten, falls er gefragt wird. Aber auch dabei ist der Schein autoritärer Besserwisserei (beim Lehrer) grundsätzlich zu vermeiden“.

Soweit der Ausblick ins „Goldene Zeitalter“, von dem – ich kann als Historiker mir die Bemerkung nicht verkneifen – schon die alten Römer sprachen:

aurea prima – aetas, quae, vindice nulle, sponte sua, sine lege, fidem, rectumque colebat …

wo jeder „aus eigenem Antrieb“ – also ohne jeden Druck, tat, was recht war.

Wir aber müssen uns mit den jetzigen Gegebenheiten abfinden. Sie, meine lieben Abiturienten, gehen heute ins Leben hinaus mit dem Zeugnis der Reife. Sie wissen selbst sehr gut, was dieses Zeugnis bescheinigen kann und was nicht. Mancher von Ihnen hat sich in den vergangenen Jahren ehrlich abgeplagt, manches ist erreicht worden, leider allzuviel bleibt Ihnen zu tun übrig, sowohl, was die Erweiterung Ihrer schmalen fachlichen Kenntnisse betrifft, als auch besonders die Durchbildung Ihres Geistes.

Daß für jeden von Ihnen noch viel zu tun übrigbleibt, ist nicht allein die Schuld der beiden Kurzschuljahre in Obersekunda und Unterprima, – ist nicht allein Schuld des weniger guten oder gar schlechten Lehrers, den Sie im Unterricht hatten, – ein Teil der Schuld dürfte auch Sie treffen, weil Sie vielleicht zu sehr darauf aus waren, alles, was nach Arbeit roch, von sich abzuwälzen und vor sich herzuschieben … , weil Sie den Willen vermissen ließen, besonders in der Oberstufe tagtäglich unermüdlich mitzuarbeiten und so die Arbeit in der Schule voranzutreiben, statt sie durch Desinteresse zu hemmen … , weil Sie vielleicht versäumt haben, die Durchbildung Ihrer Persönlichkeit in zunehmenden Maße selbst in die Hand zu nehmen (Schule, Lehrer und Eltern können ja nur noch helfend zur Seite stehen). Gehen Sie den Schwierigkeiten, die Ihnen im Studium und Beruf begegnen, nicht aus dem Weg – Klagen über Versäumtes nützen nichts. Nehmen Sie Ihr Schicksal selbst in die Hand!

Werten Sie Ihre Schule und Ihre· Schulzeit – mag sie auch noch so viele Mängel gehabt haben – nicht nachträglich ab, wie es z. B. geschah, als hessische Abiturienten durch die Straßen zogen mit dem Spruchband:

Tausche hessisches Abitur gegen bayrisches Mittelschulzeugnis …

Hier kommt die Erkenntnis eigener Minderleistung zu spät. Ich glaube nicht, daß es in Hessen einem Gymnasiasten verwehrt wäre – selbst wenn an seiner Schule nicht allzuviel verlangt würde – sich zusätzlich weiterzubilden, daß ein Lehrer böse wäre, wenn ein Schüler zusätzlich ein Referat übernähme oder eine freiwillige Arbeitsgemeinschaft besuchte.

Ein Grund, warum das Leistungsniveau an den hessischen Gymnasien tatsächlich gesunken ist, ist darin zu finden, daß die Höhere Schule in zunehmendem Maße keine Ausleseschule mehr ist, das fängt an mit dem Wegfall der Aufnahmeprüfung, zieht sich über die von Oben gewünschte Senkung der Durchfallsquoten und endet mit den verweichlichten Prüfungsbestimmungen beim Abitur. Was nichts kostet, gilt nichts.

Von allen Prüfungen, die ich im Leben zu bestehen hatte, war die Reifeprüfung die schwerste und zugleich schönste, weil nicht nur ein festes Fundament von Allgemeinwissen da sein mußte, sondern weil auch jeder Schüler, ob Primus oder Ultimus, ausnahmslos in 4 Fächern schriftlich und in 4 Fächern mündlich geprüft wurde und ein Versagen in einem Fach das Nichtbestehen der Prüfung bedeutet hätte.

Renommieren Sie, meine lieben jungen Freunde, ferner bitte nicht im Kreise Ihrer Freunde und Zechkumpane bei Abitur- oder Wiedersehensfeiern oder sonstwo damit, wie intelligent Sie und wie doof doch Ihre Lehrer waren. Glauben Sie mir, Sie erweisen sich damit einen Bärendienst. Keiner nimmt es Ihnen im Ernst ab. In meiner über 20jährigen Schulerfahrung habe ich immer wieder festgestellt, daß die größten Helden in der Weinrunde in der Schule die jämmerlichsten Figuren abgegeben haben. Ziehen Sie bitte Ihre Lehrer und Ihre Schule nicht in den Schmutz! Denken Sie daran:

Der Knabe sagt unfeinen Dank,
der in die Quelle spuckt, aus der er trank.

Kommen Sie aber – Sie sind immer herzlich eingeladen – von Zeit zu Zeit in Ihre alte Schule, in Ihre alte Penne, zu Ihren alten Lehrern, und lassen Sie die menschlichen Bande, die geknüpft sind, nicht abreißen!

Ich bin sicher, nicht nur im Sinne der anderen vier Klassenleiter der Oberprimen, sondern im Namen aller Mitglieder des Lehrerkollegiums zu sprechen, wenn ich Ihnen für Ihren zukünftigen Lebensweg recht viel Glück und – das soll nicht eine bloße Formel sein – Gottes Segen wünsche.

B r e t I
Oberstudienrat